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13. April 2026

Fokus trainieren als Gründer: Nir Eyal über Ablenkung, Verantwortung und Produktdesign

Über diese Episode

Nir Eyal, international bekannter Autor der Bestseller „Indistractable" und „Hooked", bringt eine einzigartige Perspektive in die Gründerwelt: Als Experte für Verhaltenspsychologie versteht er sowohl die Mechanismen, die Produkte süchtig machen können, als auch die Strategien, um als Gründer fokussiert zu bleiben. Seine Expertise war sogar für Netflix' „Social Dilemma" gefragt – auch wenn er letztendlich nur in den Credits landete, nachdem er drei Stunden lang interviewt wurde.

Die Verantwortung als Gründer: Wo liegt die Grenze?

Eine der brennendsten Fragen für moderne Gründer ist die eigene Verantwortung gegenüber den Nutzern. Wann wird aus einem gewohnheitsformenden Produkt ein problematisches, abhängig machendes Tool? Eyal unterscheidet klar zwischen beiden Kategorien: Während gewohnheitsformende Produkte das Leben der Nutzer verbessern, schaden abhängig machende Produkte aktiv.

Als Gründer stehst du vor der Herausforderung, Sicherheitselemente in dein Produkt einzubauen, ohne die Nutzererfahrung zu verschlechtern. Die Frage ist nicht nur, ob du kannst, sondern ob du sollst – und wie weit deine Verantwortung reicht, wenn Nutzer dein Produkt überkonsumieren.

Das Problem mit der Normalisierung von Überkonsum

Ein besonders interessanter Punkt in Eyals Analyse ist die gesellschaftliche Doppelmoral: Während digitaler Überkonsum kritisiert wird, werden andere Formen des Überkonsums – wie Alkohol – oft belächelt, weil sie als "normal" gelten. Diese Normalisierung macht es schwerer, echte Probleme zu erkennen und anzugehen.

Für Gründer bedeutet das: Du musst deine eigenen Maßstäbe entwickeln und dich nicht nur an gesellschaftlichen Normen orientieren, wenn es um die Gestaltung deines Produkts geht.

Fokus entwickeln: Der Kampf gegen externe Trigger

Als Gründer bist du ständig von Ablenkungen umgeben. E-Mails, Meetings, spontane Anfragen – externe Trigger bestimmen oft deine Tagesplanung, anstatt dass du selbst die Kontrolle behältst. Eyal bietet konkrete Strategien, um diese Fremdbestimmung zu durchbrechen.

Der Schlüssel liegt darin, zu erkennen, welche externen Trigger wirklich wichtig sind und welche nur Ablenkung darstellen. Wiederholung spielt dabei eine entscheidende Rolle: Neue Gewohnheiten und Fokus-Strategien müssen bewusst trainiert und wiederholt werden, bis sie zur zweiten Natur werden.

To-Do-Listen: Fluch oder Segen?

Eyals Sichtweise auf To-Do-Listen überrascht viele Gründer. Anstatt sie als universelle Lösung zu sehen, betrachtet er sie differenziert: Sie können sowohl hilfreich als auch hinderlich sein, je nachdem, wie sie eingesetzt werden.

Die Kunst liegt darin, To-Do-Listen so zu gestalten, dass sie dich unterstützen, anstatt zusätzlichen Druck aufzubauen oder dich in unwichtige Details zu verstricken.

Selbstoptimierung: Wann wird es zu viel?

Eine weitere wichtige Frage, die Eyal aufwirft: Kann zu viel Selbstoptimierung ungesund werden, selbst wenn man mit der aktuellen Situation zufrieden ist? Für Gründer, die naturgemäß zur Optimierung neigen, ist diese Überlegung besonders relevant.

Das Ziel sollte nicht die permanente Optimierung um ihrer selbst willen sein, sondern eine bewusste Balance zwischen Verbesserung und Zufriedenheit mit dem Status quo.

Einfluss auf die Investmentpraxis

Interessant ist auch, wie Eyals Wissen über Fokus und Produktivität seine Arbeit als Angel Investor beeinflusst. Er kann beurteilen, welche Gründerteams die nötigen Fokus-Fähigkeiten mitbringen und welche Produkte das Potenzial haben, gesunde Gewohnheiten zu fördern, anstatt Abhängigkeiten zu schaffen.

Praktische Takeaways für Gründer

Die wichtigsten Erkenntnisse aus Eyals Expertise:

  • Entwickle klare Kriterien, um gewohnheitsformende von abhängig machenden Produktelementen zu unterscheiden
  • Baue bewusst Sicherheitsmechanismen in dein Produkt ein, auch wenn sie kurzfristig die Nutzung reduzieren könnten
  • Trainiere aktiv deine Fähigkeit, zwischen wichtigen und unwichtigen externen Triggern zu unterscheiden
  • Nutze Wiederholung als Werkzeug, um neue Fokus-Gewohnheiten zu etablieren
  • Hinterfrage gesellschaftliche Normen, wenn es um die Bewertung von Konsum und Nutzungsverhalten geht

Nir Eyals Ansatz zeigt: Echter unternehmerischer Erfolg entsteht nicht durch die Maximierung der Nutzungszeit um jeden Preis, sondern durch die bewusste Gestaltung von Produkten, die das Leben der Nutzer tatsächlich verbessern – und durch die Entwicklung der eigenen Fähigkeit als Gründer, fokussiert und zielgerichtet zu arbeiten.

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